Don Bosco Haus Wien - Jugendbildungsstätte

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Weltreligionen - Veranstaltungen an Orten religiöser Begegnung

am 21. October 2010

Jüdisches Museum: Ausstellung „Die Türken in Wien“

Istanbul ist zusammen mit den Städten Pécs und Essen in diesem Jahr Europäische Kulturhauptstadt. Dieser Umstand und das Anliegen, die Bedeutung der ab März 1938 durch die Nazi-Gewaltherrschaft zerstörten Jüdischen Gemeinde und den vielfach vergessenen Beitrag der vertriebenen und ermordeten Juden, die zur Blüte Wiens beigetragen haben¸ wieder zu entdecken, sind das Anliegen dieser großartigen an historischen Objekten so reichen Ausstellung.

Am 15. Oktober 2010, 16 Uhr trafen sich 28 Personen in der Dorotheergasse 11.

Wir hatten die große Freude, dass einer der Kuratoren dieser Ausstellung, Herr Gerhard Milchram die Führung unserer Gruppe übernahm.

Zu Beginn erhielten wir eine Eintrittsmarke, die mit einem geometrischen, maurisch-islamischen Muster – wie es im ehemaligen Türkischen Tempel in der Zirkusgasse 20, zu finden war – bedruckt ist, und wo in der Mitte drei weiße und ein blauer Faden (Tzitzit)  wie bei einem Tallit (Gebetsschal) befestigt sind. Der Grundgedanke der Künstlerin Azra Aksamija ist, durch die Partizipation der Besucher an einem Gebetsschal den Türkischen Tempel symbolisch wieder herzustellen. Eine Installation des Inneren dieses Gebetshauses, das in der Reichskristallnacht niedergebrannt wurde, bildet Beginn und Schlusspunkt des Rundganges.                                                                     

Ein 60 m2 großer Tisch ist in den Ausstellungsräumen aufgestellt. Auf dieser weißen Fläche werden ausschließlich Exponate aus Wien gezeigt.

An den Wänden befinden sich nachtblaue Schauflächen, wo Objekte aus den Herkunftsorten der türkischen Juden präsentiert werden.  

Es ist unmöglich alle Kostbarkeiten aufzulisten; nur wenige Besonderheiten sollen erwähnt werden, wie z.B. eine Suppenterrine aus dem Besitz der Familien d’Aguilar und Lousada, die Ketuba (Heiratsurkunde), Gebetbücher, Toramäntel, Parochets (Toravorhang), Rollenstäbe, Torakronen, davon zwei in Form von Granatäpfeln, 7-armige Leuchter (Menora), 8-armige Leuchter (Chanukkia), einer davon ist für die Reise in einer Gürtelschnalle eingebaut, kostbare Gebetsschals (Tallit), Wandbilder, unter anderem das Notenblatt einer türkischen Hymne von Josef Sulzer und vieles andere mehr.

Der historische Hintergrund war das Schicksalsjahr 1492 in Spanien, als die 800-jährige arabisch-moslemische Herrschaft durch die endgültige Reconquista beendet und die Juden des Landes verwiesen wurden. Sie fanden Aufnahme in Nordafrika, einigen italienischen Städten aber vor allem im Osmanischen Reich, wo sie auf Grund ihres Wissens sehr willkommen waren. Viele, die nach Portugal geflohen waren, verließen die Iberische Halbinsel später in Richtung Holland und Norddeutschland. Im Zuge der osmanischen Eroberungen in Europa konnten die Juden spanischer Deszendenz – die so genannten Sefarden  – kulturell und wirtschaftlich wichtige Gemeinden auf dem Balkan gründen. In Wien hatte es bereits zur Zeit des Ghettos im Unteren Werd zahlreiche Beziehungen zwischen den Wiener und den türkischen Juden gegeben. Doch erst mit den Friedensverträgen zwischen den Habsburgern und dem Osmanischen Reich in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts genossen die türkischen Juden die Freizügigkeit des Habsburger Reiches. Nach der Gründung der türkisch-jüdischen Gemeinde in Wien wurde ihr die Freiheit gottesdienstlicher Religionsausübung zugesichert. 1887 wurde der bereits erwähnte sefardisch-türkische Tempel im maurischen Stil in der Zirkusgasse eingeweiht, in dessen Vorraum die Portraits der Habsburger und des Osmanischen Regenten abgebildet waren. Beiden Majestäten und beiden Heimaten erwies man loyale Reverenz.

Die türkischen Juden in Wien genossen den Schutz des Sultans und konnten dadurch  nicht den üblichen Restriktionen des Habsburgerreiches unterworfen werden.

In der Ausstellung findet sich auch eine Wandtafel des türkischen Künstlers Ismail Acar, genannt All Sultans’ Triptik, wo alle Sultane ikonenhaft abgebildet sind.

Die sefardischen Juden Wiens waren in vielfacher Hinsicht Vermittler zwischen Ost und West, zwischen Asien und Europa. Diese Vermittlerrolle spielten sie einerseits als Händler und Kaufleute, die Wolle und Baumwolle, Seide und Tabak, Zucker und Gewürze in den Westen importierten aber auch auf kulturellem Gebiet mit der Errichtung einer Druckerei in Konstantinopel. Dadurch konnten auch Bücher in Ladino (der Sprache der spanischen Einwanderer) gedruckt werden. Sie verbreiteten die arabische Philosophie und Medizin in der westlichen Welt. Auch auf religiösem Gebiet kam es zu einer Weiterentwicklung der rabbinischen Tradition. Sie exportierten die jüdische Mystik (Kabbala) in die weite Welt der Diaspora.

Es war eine für alle sehr eindrucksvolle Exkursion. Wir danken Herrn Gerhard Milchram für seine Ausführungen.

Helene Hornich und Helene Spitalsky

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