Don Bosco Haus Wien - Jugendbildungsstätte

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WELTRELIGIONEN – Exkursionsreihe zu Orten religiöser Begegnung

am 18. November 2010

Evangelische Kirche HB

Am 12. November 2010, 16 Uhr trafen sich 15 Personen vor der reformierten Stadtkirche in der Dorotheergasse 16 und wurden von Pfarrer LANGHOFF sehr herzlich willkommen geheißen.                          

Die Evangelische Kirche H.B. (Helvetisches Bekenntnis) hat diese Bezeichnung von Joseph II. im Unterschied zu den lutherischen Gemeinden der Evangelischen Kirche A.B. (Augsburger Bekenntnis). Der Name reformierte Kirche ist gleichzeitig auch Programm: „ecclesia semper reformanda“ – also eine Kirche, die sich immer wieder mit der Bibel als einziger maßgeblicher Richtschnur verändern kann und will. Die Ursprünge der Kirche liegen wie bei anderen christlichen Kirchen in der christlichen Urgemeinde, wie sie aus der Bibel bekannt ist. Besonders prägend waren die Reformatoren Ulrich Zwingli und Heinrich Bullinger (Zürich) sowie Johannes Calvin (Genf).

Pfarrer Langhoff ließ uns zunächst im klassizistischen Innenraum der Kirche  nach  Unterschieden zu katholischen Kirchen suchen. Er erklärte uns, dass es nach reformatorischer Tradition keine Kreuze und keine Bilder (2. Buch Mose, 20) gibt. Auch am Kirchturm befindet sich kein Kreuz (stattdessen haben evangelische Kirchen manchmal einen Wetterhahn oder Morgenstern).

Die erste reformierte Kirche gab es bereits 1530 in Paris, die bei den Hugenottenkriegen niedergebrannt wurde.

Bei uns ist die Grundlage für die Errichtung evangelischer Bethäuser 1781 durch das Toleranzpatent Kaiser Joseph II. geschaffen worden. Die reformierte und die lutherische Gemeinde erwarben damals jeweils einen Teil des aufgelassenen Königinnenklosters bei der Wiener Hofburg. Diese Kirche wurde 1783/84 neu nach den Plänen des Hofarchitekten Gottlieb Nigelli errichtet. Sie durfte aber von außen nicht als Kirche erkennbar sein, keinen Kirchturm, keine Glocken und keinen straßenseitigen Eingang besitzen. 1815 wurde für die reformierte Gattin von Erzherzog Karl, Henriette von Nassau-Weilburg, ein Seiteneingang direkt von der Straße eingebaut, das so genannte  Henriettentor, das nach ihrem Tode wieder zugemauert werden musste.

Reformierte Gotteshäuser sind HÖR-Kirchen und keine Schaukirchen, deshalb ist der Innenraum oval wie ein Amphitheater, wodurch die Akustik besonders gut ist. Er ist zweifach überkuppelt und hat seitliche, auf Säulen lastende Emporen, dadurch entsteht der Eindruck eines antiken Tempels. Kanzel und Abendmahlstisch (kann auch weggerollt werden) stammen aus einem aufgelassenen Kloster.

Zur Geschichte der reformierten Kirche in Wien: In den 20er Jahren des 16. Jahrhunderts wurde beeinflusst durch Martin Luther vornehmlich in Wien im evangelischen Sinn gepredigt. Am Ende des 16. Jhd. waren etwa 80% der Bevölkerung evangelisch. Neben lutherischen Einflüssen kamen aus der Schweiz auch reformierte Impulse. Als die systematische Gegenreformation in den österreichischen Habsburgerländern einsetzte, wurden evangelische Prediger und Lehrer des Landes verwiesen, Kirchen zerstört, Bücher und Schriften verbrannt. Bürger und Bauern mussten auswandern oder katholisch werden. Tausende wanderten aus, viele wurden wieder katholisch, manche blieben aber im Verborgenen evangelisch, vor allem in schwer zugänglichen gebirgigen Tälern. Evangelische Gottesdienste gab es während der Verfolgungszeit nur in Wien. Lutherische in der schwedischen und dänischen, Reformierte in der holländischen Gesandtschaftskapelle.

Mit dem Toleranzpatent von 1781 wurde  das evangelische Leben unter bestimmten Voraussetzungen auch öffentlich geduldet. Wo 100 evangelische Familien lebten konnte ein Bethaus errichtet werden. Das Protestantenpatent von 1861 bildete die Basis für den Kirchenumbau. 1887 erhielt die reformierte Stadtkirche durch den Architekten Ignaz Sowinsky eine  neubarocke Fassade mit Kirchturm und straßenseitigem Tor.  Das Innere der Kirche wurde um 180 Grad  gedreht und die Position von Kanzel und Orgel vertauscht. Die heutigen Glocken und die Orgel stammen aus 1979, wobei das Gehäuse der Orgel aus 1901 beibehalten wurde.

Das Protestantenpatent brachte  die volle Freiheit des Bekenntnisses und der öffentlichen Religionsausübung. Heute regelt das Protestantengesetz von 1961 das Verhältnis von Staat und Kirche. Eine freie Kirche im freien Staat ermöglicht beiden Institutionen Selbständigkeit und vielfache gute Zusammenarbeit. Die reformierte Kirche hat ökumenische Gemeinschaft mit allen Kirchen in Österreich und dem Weltrat der Kirchen. Seit 1884 ist sie Mitglied des Reformierten Weltbundes.

Die reformierte Kirche kennt 2 Sakramente: Taufe und Abendmahl, das offen gefeiert wird. Jeder kann kommen ohne Frage nach Alter oder Konfession. Jesus ist im Gebet der Gemeinde anwesend, Brot wird nicht Leib Christi. Mahlfeier findet am Anfang des Monats und zu bestimmten Feiertagen statt. Es gibt keine Leseordnung. Zum Gottesdienst wird ein Talar getragen (keine geistlichen Gewänder). Musik ist sehr wichtig. Psalmen sind im Mittelpunkt der Liturgie. Es gibt keine Heiligenverehrung. Beim Gebet gibt es keine Zwischenebene. Gott ist Vater, Bruder, Mutter... Man wendet sich direkt an ihn. Die Diakonie (aktive Nächstenliebe) ist ein wesentliches Gemeindeanliegen. Die Leitung erfolgt nach presbyterial-synodaler Ordnung. Alle Ämter sind durch Wahl zu besetzen. Pfarrgemeinden ordnen ihre Angelegenheiten selbständig. Die verschiedenen Ämter in der Kirche begründen keine Rangunterschiede. Von der Gemeinde bestellte qualifizierte Personen, auch Frauen können ordiniert werden. Es gibt keine Verpflichtung zum Zölibat. Die Kirchen AB und HB sowie die Methodisten haben gemeinsamen evangelischen Religionsunterricht. Es gibt eine evangelische Fakultät an der Universität.                  

Wir danken Herrn Pfarrer Langhoff für seine umfassenden mit viel Engagement vorgetragenen Ausführungen.  

                                                                                        Helene Hornich und Helene Spitalsky

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