










WIENER ZENTRALFRIEDHOF
Treffpunkt war am 13. Mai 2011 um 16.15 Uhr, Tor 1 des Wiener Zentralfriedhofes. 24 Personen waren gekommen, die durch Frau Gabriele Buchas bei angenehmem Frühlingswetter einen Teil des mit rund 2,5 Quadratkilometer flächenmäßig zweitgrößten Friedhofes Europas kennen lernten. Den größten Friedhof hat Hamburg. Der Zentralfriedhof ist kein historisch gewachsener Friedhof, sondern er wurde 1870 durch Josef II in Auftrag gegeben und nach einem Architektenwettbewerb durch Karl Jonas Mylius und Alfred Friedrich Bluntschli geplant und 1874 nach römisch-katholischem Zeremoniell ohne Publikum eingeweiht. Die Begräbnisstätte für alle Konfessionen löste damals nämlich politische Diskussionen über seine Einweihung aus.
Insgesamt wurde der Friedhof sieben Mal erweitert, zuletzt 1921. 3 Millionen Menschen finden dort die letzte Ruhe. Um 1900 waren es noch 2 Mill. Menschen. Im 2. Weltkrieg wurde der Friedhof durch schwere Bombenschäden in Mitleidenschaft gezogen.
Beim Tor 1 befindet sich auf der rechten Seite jener Teil des Friedhofs, dersehr Park ähnlich ist und wo auch viele Tiere (Hasen, Hamster, Fasane) leben. 1877 wurde ein Areal von 260.000 m2 von der israelischen Kultusgemeinde um 60.000 Gulden (ca. 600.000 €) erworben.
Ursprünglich gab es auch eine Zeremonienhalle, die aber 1938 zerstört wurde.
1879 erfolgten die ersten Beisetzungen nach mosaischem Ritus. Die Zahl der Toten auf diesem Teil des Friedhofes wird mit rund 100.000 in 60.000 Gräbern angegeben.
Als dieser Teil des Jüdischen Friedhofs voll belegt war, erwarb die Kultusgemeinde einen weiteren Friedhofsteil bei Tor 5, der 1917 eröffnet wurde. Dennoch finden auch heute noch vereinzelt Begräbnisse bei Tor 1 statt, wie z.B. für Gerhard Bronner. Die beiden anschließenden Gräber für Friedrich Torberg und Arthur Schnitzler werden derzeit restauriert. Insgesamt gibt es fast 40 gewidmete Ehrengräber, zumeist in der 800 Meter langen Zeremonienallee. Darunter sind viele Rabbiner und Prominente aus den Bereichen Kunst, Wirtschaft und Wissenschaft, wie Salomon Sulzer, Baron Königswarter, Familie Rothsschild u.a.
In der „Ringstraßenzeit“ wurden durch das assimilierte Judentum wunderschöne Baudenkmäler errichtet.
In der Gruppe 7 liegt die türkische Abteilung. Die aus Spanien vertriebenen Juden kamen in die Türkei, wo sie unter dem Schutz des Sultans standen. Während der Monarchie kamen sie auch nach Österreich. Einige Grabsteine erinnern an die Architektur der Alhambra, wie jenes von Jacques Menachem Elias. Er ließ sein Grabmal schon zu Lebzeiten anfertigen.
Im 2. Weltkrieg wurde auch dieser Friedhofsteil von vielen Bomben getroffen. Jene Grabsteinteile, die nicht mehr einer bestimmten Grabstätte zuzuordnen waren, hat man 1991 zusammengetragen. Sie liegen als Zeichen der Erinnerung an mehreren Stellen des Friedhofes. Der Verein Schalom hatte es sich zur Aufgabe gemacht, den Friedhof zu pflegen. Nach dem Tod des Gründers gibt es den Verein nicht mehr.
Sefarden sind spanische Juden, Aschkenasim stammen aus Mittel- und Osteuropa. Beim Besuch eines Grabes wird entweder ein Grashalm oder ein Stein niedergelegt. Die Verstorbenen schauen in Richtung Ein- oder Ausgang des Friedhofes, damit ihre Geister aus dem Friedhof, der immer außerhalb der Siedlung liegt, hinaus können. Man glaubte, dass dort Geister aufsteigen.
Für das Seelenheil war die Beerdigung am Todestag wichtig. Bei uns gilt seit Maria Theresia (wegen der Gefahr, dass die Bestatteten nur scheintot waren), dass nach dem Tod 48 Stunden gewartet werden muss. Erst dann kann der Leichnam bestattet werden.
Im Judentum ist der Krankenbesuch eine heilige Pflicht. Ein Todkranker bekommt einen anderen Namen, um den Tod zu verwirren. Wenn die Person sechs Wochen überlebt, nimmt sie diesen Namen an. Vor dem Tod ist ein Sündenbekenntnis wichtig. Die Kinder sollen gesegnet werden.
Arme und Beine sollen nicht aus dem Bett hinausragen, Eisenbetten nicht verwendet werden, weil das die Agonie verlängert. Kerzen sind Licht für die Seele. Schüsseln mit Wasser zum Händewaschen werden aufgestellt. Spiegel werden verhängt, um Eitelkeiten zu vermeiden. Uhren werden angehalten, Lärm vertreibt die bösen Geister. Totengebete (Kadisch) werden gesprochen (Erhoben und geheiligt werde sein Name.....) Ravell hat das Kadisch vertont.
Nach dem Tod werden die Fenster geöffnet und die Augen des Toten geschlossen. Das Gewand wird eingerissen. Füße sollen in Richtung Türe liegen. Der Leichnam kann dann auskühlen. Dem Verstorbenen wird im Sarg eine Gabel in die Hand gegeben, damit er sich freischaufeln kann, wenn der Messias kommt. Er bleibt für immer in seinem Grab, nicht wie bei uns, wo nach 10 Jahren das Grab aufgelassen und jemandem anderen weiterverkauft werden kann.
Am jüdischen Kriegsgräber Friedhof für Soldaten der k.k. Armee und des Bundesheeres vorbei besuchten wir noch das Grab Viktor Frankls. Frau Buchas hatte ein Buch mitgebracht, aus dem einige Texte Frankls gelesen wurden.
Daran anschließend kamen wir zum Buddhistischen Friedhof, der zu Vollmond im Mai 2005 eröffnet wurde. Es gibt nur wenige buddhistische Friedhöfe ausserhalb Asiens. Er ist für die 20.000 in Österreich lebenden Buddhisten errichtet worden. In Wien leben 12.000 Buddhisten. Die Errichtungskosten von € 90.000 wurden von der Glaubensgemeinschaft getragen. Bei der Eröffnung wurden heilige Texte ins Innere des Stupas gelegt, dann wurde die Kuppel verschlossen.
Der Entwurf des achteckigen Stupas und der Anlage stammt von Prof. Riccabona der ebenfalls Buddhist ist. Der Stupa ist in einer traditionellen Form gehalten, entspricht aber durch die Verwendung von modernen Materialien wie Beton, Glas und Edelstahl einem Sakralbau des 21. Jhd.
Bei der Bestattungsart kann zwischen Einäscherung und Beerdigung gewählt werden. Wer dort bestattet wird, entscheidet die budd. Glaubensgemeinschaft.
Eine Mitgliedschaft ist nicht Voraussetzung. Verwaltet werden die Gräber von der Verwaltung des Zentralfriedhofes.
Um den Stupa sind die Gräberreihen in 8 Segmenten sternförmig angeordnet.
Die 8 Segmente stehen für den edlen achtfachen Pfad des Buddhismus. Der Friedhof soll auch ein Platz zum Meditieren sein.
Den Abschluss der Führung bildete der Besuch der Kirche zum Heiligen Karl Borromäus. Dieses Gotteshaus ist neben der Otto Wagner Kirche am Steinhof der bedeutendste Kirchenbau des Jugendstils. Sie wurde 1911 nach dreijähriger Bauzeit geweiht und von 1995 – 2000 komplett restauriert.
Der Architekt Max Hegele hat die Kirche in ein Gesamtkonzept für den Friedhof integriert. Sie ist ein 58,5 m hoher Zentralkuppelbau, der sich über 2.231 Quadratmeter erstreckt mit segmentbogenförmigen Kolumbarien (Gruftanlagen). Die Kirche ist nicht geostet. Drei mächtige Säulenportale mit elf Meter breiten, 22-stufigen Freitreppen führen in das Innere der Oberkirche. Der Bau ist von 4 Ecktürmen flankiert, die als Uhr- und Glockentürme dienen. Die Uhren weisen statt Ziffern Buchstaben auf, die die Worte „Tempus fugit“ (die Zeit flieht) ergeben. Die zwölfte Stunde wurde mit einem kleinen Kreuz gekennzeichnet. Durch die Eingänge der beiden Ecktürme an der Vorderfassade gelangt man in die Unterkirche mit den Gruftkapellen.
Der zentrale Kuppelraum hat einen Durchmesser von 22.7 Metern und erreicht eine eindrucksvolle Höhe von 39 Metern. Seit 1979 finden dort auch Aufbahrungen statt. Direkt unter dem Hauptaltar befindet sich die Gruft von Karl Lueger. Da bei seinem Tod der Bau noch nicht abgeschlossen war, wurde der 1910 verstorbene Bürgermeister nach seiner provisorischen Beisetzung im Familiengrab in der Unterkirche beigesetzt. Damals erhielt die Kirche den Beinamen „Dr. Karl-Lueger-Gedächtniskirche“.
Während des 2. Weltkrieges schmolz man die Glocken der Kirche für Kriegszwecke ein. Das Dach wurde von einer Bombe zerstört, die Kuppel mit der Mosaikausstattung schwer beschädigt. Das westliche Fenster „Auferweckung des Lazarus“ ging verloren. An seiner Stelle ist jetzt das Fenster „Jesus der Pantokrator. Gegenüber befindet sich „Jesus der Auferstandene“. Ansonst blieb die Jugendstil-Ausstattung unverändert und vollständig erhalten. An der Vorderfront ist das „Jüngste Gericht“ abgebildet. In der Mitte empfängt Jesus Christus den müden Wanderer. Auch der Bürgermeister ist abgebildet. Der Ausspruch: „Wer Jude ist, bestimme ich.“ Hat ihm sehr geschadet. Er wurde erst nach dem 3. Ansuchen vom Kaiser als Bürgermeister bestellt.
Der Jugendstilaltar wurde gegen einen Volksaltar ausgetauscht. Er befindet sich jetzt im Diözesanmuseum.
Unter Kaiserin Maria Theresia (1740-1780) wollten die Menschen „eine schöne Leich’“. Man hat sich an den Beisetzungen der Habsburger orientiert. Deshalb hatte man schwarze Kutschen, Musik spielte. Sparvereine sind entstanden. So konnte man zeigen, „dass man Wer war“. Die Toten wurden in einer Tiefe von 90 cm beigesetzt. 2 % waren „scheintot“. Schreie sind oft durchgedrungen, aber man getraute sich zumeist nicht, das Grab wieder zu öffnen. Man glaubte an die Untoten (Vampire). Van Swieten der Leibarzt der Kaiserin wurde deshalb nach Rumänien geschickt, um Informationen dazu einzuholen.
Man hatte Totenwecker (Zwirnsfäden wurden an den Fingern und Füßen befestigt mit Glöckchen sollte man läuten) Manche Menschen ließen sich einen Herzstich machen, um sicher tot zu sein. Oder man hatte eine Schnorchel im Sarg.
Joseph II. hat das alles abgestellt. Es gab eine Josephinische Begräbnisreform.
Schachtgräber wurden eingeführt. Oft hatte man nur Leinensäcke. Nach 10 Jahren, wenn die Verwesung beendet ist, wurden die Gebeine in einen Karner geschlichtet. Wegen der Gefahr von Epedemien durch verseuchte Hausbrunnen, mussten die Friedhöfe in den Dörfern geschlossen werden. Außerhalb des Linienwalls gab es dann nur mehr den Währinger- und den St. Marxer-Friedhof.
Frau Buchas machte uns auch darauf aufmerksam, dass die Weihnachtsmette um 17 Uhr in der Dr. Lueger Kirche sehr stimmungsvoll ist. Jeden Sonntag gibt es einen Gottesdienst.
Mit einem „Vater-unser“ wurde die Führung beschlossen. Wir hatten noch Gelegenheit auf dem Weg zur Straßenbahn die Präsidentengruft und Prominentengräber anzusehen. Sehr Vieles wäre noch interessant gewesen, wie z.B. der Islamische Friedhof, der Babyfriedhof, Hain der Mormonen, der Park der Ruhe und Kraft u.a., aber aus Zeitgründen mussten wir uns von Frau Buchas verabschieden. Wir dankten für ihre besonders interessante Führung.
Helene Hornich und Helene Spitalsky
Wien im Mai 2011
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